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energate Gasmarkt Ausgabe 07|2022

Thema des Monats: Gazprom/Russland gegen Deutschland/Europa: „Tit for tat“ im Juni

Dr. Heiko Lohmann Dr. Heiko Lohmann

Die „Gaskrise“ eskaliert weiter. Mit ihren Aktionen und Reaktionen versuchen Deutschland und Europa die europäische Gasversorgung besser abzusichern, Russland diese zu schwächen. Es ähnelt einem Strategiespiel. Der letzte Zug von russischer Seite war eine deutliche Reduktion der Lieferungen über Nord Stream und damit Kürzungen der Langfristverträge. Allein die Konsequenzen dieses „Strategiespiels“ finden im realen Leben statt und sie sind hart.

Dies war auch auf der E-world zu spüren, die im Juni stattfand. Ich habe noch nie so eindeutig die Dominanz eines Themas erlebt und die extreme Verunsicherung dabei. Fast alle Gespräche kamen früher oder später auf die Ausrufung der Alarmstufe und vor allem die Möglichkeit der Importgesellschaften, dann gestiegene Beschaffungspreise weiterzugeben. Dass die Alarmstufe ausgerufen wird, war im Grunde schon am ersten Tag klar, das novellierte EnSiG ermöglicht grundsätzlich die Weitergabe der höheren Kosten nach Ausrufen der Alarmstufe. „Dann bricht ein europäisches Chaos aus“, erwartet der Geschäftsführer einer größeren Handelsgesellschaft. „Ich vergebe jetzt schon Zeitfenster für die Beratung“, meinte ein Anwalt, der die Regelung für nicht umsetzbar hält. Stadtwerke, Betreiber von Fernwärmenetzen und Endkunden befürchten hohe und nicht nachvollziehbare Preiserhöhungen. Der bunte Reigen der Gesprächspartner zeigt, dass im Falle eines Falles das „Tannenbaum-System“ gelten wird. Ausgehend von einer sehr kleinen Zahl von Unternehmen, die russisches Erdgas im Portfolio haben, diffundieren die Preiserhöhungen sich immer weiter verzettelnd durch alle Wertschöpfungsstufen. Eine sehr kleine Zahl von Unternehmen heißt im Grunde zwei: Nur Uniper und VNG haben in Deutschland einen substanziellen Teil an Gas von Gazprom Export im Portfolio. Und es ist völlig klar, dass vor allem Uniper gestützt werden muss. Das Unternehmen wird die Substitution von Gazprom-Mengen durch kurzfristige Spotmarkt-Käufe nicht lange durchhalten. Eine sehr zuverlässige Quelle sagt, Uniper verkaufe schon jetzt im Großhandelsmarkt nur noch Mengen mit Lieferbeginn nach dem 01. April 2023. Aber der aktuelle Ansatz im EnSiG zum Schutz der Unternehmen ist vermutlich falsch und dürfte auch geändert werden.

Die Ausgabe enthält auch ein Interview mit Karsten Schmid und Andreas Kamper, den beiden Geschäftsführern von E*Star. E*Star? Ach, lesen Sie selbst, wie die Krise eventuell auch eine Chance für neue Ansätze sein kann.

Wir „sehen“ uns erst Anfang September wieder. Ich mache Sommerpause.

THEMA DES MONATS: Gazprom/Russland gegen Deutschland/Europa: „Tit for tat“ im Juni

Ob die spieltheoretische Strategie des „tit for tat“ die Entwicklung der europäisch-russischen Gasbeziehungen richtig beschreibt, mögen Sie, liebe Leserinnen und Leser, selbst beurteilen. Aber im Juni gab es die folgenden Züge und parallel dazu Gegenzüge: Am 14. Juni um 12:44 gibt Gazprom auf seinem Telegram-Kanal bekannt, dass es den Fluss auf der Nord Stream von 167 Mio. m3 /Tag auf 100 Mio. m3 /Tag reduzieren muss. Eine Turbine sei nach der Wartung nicht wieder zu der Kompressor-Station Portovaya am Startpunkt der Nord Stream zurückgekommen. Am 14. Juni um 16:30 veröffentlichte die Bundesregierung eine Mitteilung, dass sie die Treuhandverwaltung für Gazprom Germania verlängert. Das Unternehmen bekommt ein Darlehen von der KfW über 9,8 Mrd. Euro. Es wird umbenannt in „Securing Energy for Europe (SEFE)“. Am 15. Juni um 15:06 Uhr teilte dann Gazprom mit, aufgrund des abgelaufenen Wartungsintervalls und des Zustands müsse es eine weitere Turbine in Portovaya außer Betrieb nehmen. Ab dem 16. Juni um 0:30 Uhr sei nur noch ein Gasfluss von 67 Mio. m3 /Tag auf der Nord Stream möglich.  Am 23. Juni hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) die Alarmstufe ausgerufen (siehe Abschnitt 2.1)...

Alarmstufe

Am 23. Juni hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) die Alarmstufe als zweite Stufe des deutschen Notfallplans Gas ausgerufen. Begründet hat das Ministerium den Schritt mit den Kürzungen der russischen Gaslieferungen, die im Thema des Monats beschrieben sind. Direkte Auswirkungen hat die Alarmstufe nicht. Aber eine mögliche Gasmangellage rückt damit stärker in das öffentliche Bewusstsein: „Gas ist nun ein knappes Gut“, titelte zum Beispiel der Berliner TAGESSPIEGEL und nahm damit eine Äußerung von Wirtschaftsminister Robert Habeck aus der Pressekonferenz anlässlich der Verkündung der Alarmstufe auf. Das BMWK hat anlässlich der Ausrufung der Alarmstufe einige ergänzende Maßnahmen angekündigt beziehungsweise geplante Maßnahmen noch einmal bekräftigt: eine Kreditlinie von 15 Mrd. Euro für THE zur Befüllung der Speicher (siehe Abschnitt 3.4.1); schnelle Verabschiedung des Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetzes (siehe Abschnitt 2.2); ein Gasauktionsmodell für den Industrieverbrauch (Abschnitt 3.3.4)...

Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz

In der vergangenen Ausgabe habe ich schon über das Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz berichtet. Es enthält zwei Teile: Bei einer Störung oder Gefährdung der Sicherheit oder Zuverlässigkeit der Gasversorgung oder wenn eine solche Störung nicht auszuschließen ist, können Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke aus der Netzreserve beziehungsweise Sicherheitsbereitschaft (bei Braunkohle) wieder am Strommarkt teilnehmen. Diese Regelung ist bis zum 31. März 2024 befristet. Nach Ausrufung der Alarm- oder Notfallstufe kann die Bundesregierung den Einsatz von Gaskraftwerken einschränken oder beenden. Dazu kann sie entweder von den Kraftwerksbetreibern eine Pönale auf den Gas- oder Strompreis erheben oder die Zahl der Vollbenutzungsstunden beschränken. Ausnahmen gelten nur für Anlagen der Bundeswehr und Anlagen zur Wärmeerzeugung, wenn die Wärme nicht anders erzeugt werden kann...